"Mausi" - die Hilfe kam zu spät

Seit langem war unserem Verein die Elefantenkuh „Mausi“ des erst Ende der 1990er Jahre gegründeten Circus Voyage bekannt. Ihr Schicksal kann durchaus als beispielgebend für andere Vertreter ihrer Art in kommerzieller Nutzung angesehen werden


(Foto: Archiv EEG)

„Mausis“ Leben
Die Afrikanerin wurde etwa einjährig nach Europa importiert, wie alle ihre Artgenossen im Circus. Sie wies die für fast alle Elefanten mit ihrer Lebens- und Leidensgeschichte typische Kleinwüchsigkeit auf und zeigte Verhaltensstörungen (das so genannte „Weben“).
Selbst für Laien unübersehbar war aber ihre massive körperliche Behinderung während der letzten Lebensjahre – schwere Arthrose in den Hinterbeinen, rechtes Hinterbein steif, Untergewicht. Seit Ende 2008 durfte die Afrikanerin deshalb nicht mehr in der Manege vorgeführt werden, stand beschäftigungslos im Circus. „Mausi“ wurde somit nicht einmal im Sinne der  untragbaren Circusleitlinien „täglich verhaltensgerecht beschäftigt“ und erlitt als chronisch krankes Tier fortdauernde Schmerzen und Leiden aufgrund ihrer Mitführung im Reisebetrieb. Zudem war der Elefant seit dem Tod ihrer einzigen engen Sozialpartnerin „Anja“ vor vier Jahren ohne sozialen Anschluss in der Voyage-Elefantenherde – unter Elefanten und doch allein.

Hilfe wird nicht zugelassen
Unser Verein ließ acht Jahre lang nichts unversucht, bei den zuständigen Veterinärämtern Verständnis für diese – eigentlich nicht zu übersehenden – Leiden des Tieres zu wecken. Schon 2007 bestand eine Abgabeverfügung für „Mausi“ , damals noch gemeinsam mit ihrer einzigen, ebenfalls gesundheitlich angeschlagenen Sozialpartnerin „Anja“, doch an keinem der  mehr als 30 Gastspielorte pro Jahr sahen sich die jeweiligen Amtstierärzte aufgerufen oder in der Lage, tätig zu werden. „Keine Beanstandungen“ lautete stattdessen zumeist das Urteil.
Dabei hätte die Summe der oben geschilderten Zustände ausreichen müssen, um jedes einzelne Veterinäramt zum  Handeln zu zwingen, auch ohne das noch in weiter Ferne befindliche gesetzliche Wildtierverbot in Circussen. Als Garanten des Tierschutzes wären sie verpflichtet gewesen, einen chronisch kranken Elefanten aus einer tierquälerischen in eine tiergerechte Lebenssituation zu überführen, so wie sie es bundesweit z.B. Monat für Monat im Bedarfsfall etlichen Haustieren in vergleichbarer Situation zuteil werden lassen.

Gemeinsam mit der Berliner Initiative für ein Wildtierverbot in Zirkussen versuchten die Vertreter von ELEFANTEN-SCHUTZ EUROPA e.V., zur Jahreswende 2009/2010 das Bezirksamt Charlottenburg - Wilmersdorf von Berlin bei dem Vorhaben zu unterstützen, „Mausi“ einen tiergerechten Lebensabend in einem guten Zoo zu ermöglichen:
Doch statt „Mausi“ auf der oben genannten Grundlage einzuziehen, konnte auch die Veterinär- und Lebensmittelaufsicht Charlottenburg - Wilmersdorf keine Gründe zur Beanstandung von „Mausis“ Haltung erkennen. Statt klarzustellen, dass ein chronisch krankes, nicht einmal mehr zur Vorführung geeignetes Tier keinesfalls mehr zur Mitführung im Reisebetrieb geeignet ist,  wurde als letzter Ausweg, um trotz erdrückender Beweislast nicht vollziehen zu müssen, ein circusnaher Sachverständiger gefunden. Dieser sollte klären, ob ein weiterer Verbleib der schwer angeschlagenen Elefantenkuh im Circus noch tragbar sei und so fand auch er Gründe, nach denen „Mausi“ angeblich in einem guten Zoo eine weniger positive Zukunft zu erwarten hätte als in ihrer bisherigen Lebenssituation: Bessere Pflege als beim Circus Voyage könne sie lt. Aussage kaum erhalten, zudem sei die Afrikanerin seiner Meinung nach in der „stabilen“ Voyage-Herde so gut integriert, dass eine Herauslösung trotz aller körperlichen Beschwerden nicht zu empfehlen sei.

Heutzutage argumentieren nur noch Sachverständige ohne Wissen um die Freilandethologie der Rüsseltiere aus diesem Blickwinkel des vorigen Jahrhunderts. Der besagte Gutachter ist, trotz 30jähriger tierärztlicher Tätigkeit im Zoo Berlin bis 2002, aber ohne eigene Freilanderfahrung mit Elefanten, nach eigenen Aussagen ein erwiesener Circusfreund und Verfechter der Wildtierhaltung in Circussen. Rund 80 Prozent des momentanen Wissens über die intelligenten Riesen der Tierwelt sind aber erst in den letzten zehn bis 15 Jahren ermittelt worden, vor allem im Zuge der Feldforschung.

Frau Dr. Marion E. Garaї hat soviel Erfahrung mit wildlebenden Afrikanischen Elefanten wie nur wenige andere Wissenschaftler weltweit. Die promovierte Zoologin hat zudem jahrelang das Verhalten von Elefanten in Menschenhand studiert. Ihre Untersuchungen fanden in Circussen und Zoos wie Zürich und Berlin, in der Pinnawela Orphanage auf Sri Lanka oder auch an Waisen der legalisierten „culling“-Abschüsse im Süden Afrikas statt und setzen Freiland- und Gefangenschaftserkenntnisse zueinander in Beziehung.
Ihre Expertise zur Afrikanerkuh „Mausi“ vom Circus Voyage ist auf unserer Homepage wiedergegeben und skizziert ein ebenso eindrucksvolles wie erschütterndes Bild der Haltungsumstände dieses Elefanten, vor denen Amtstierärzte bundesweit nach wie vor ihre Augen verschließen.

„Mausi“ stirbt – weil staatliche Kontrollen versagen!
Weder Circus Voyage als Halter noch die Amtstierärzte, die „Mausi“ an jedem Gastspielort zu kontrollieren hatten, reagierten auf die Bemühungen, das leidende Tier stationär unterzubringen.  Erst Mitte Januar 2012 änderte der Circus seine Meinung -  wahrscheinlich, weil  die Elefantin inzwischen sehr geschwächt war. Ihr Halter wollte den Elefanten noch an  einen belgischen Zoo verkaufen, transportierte ihn selbst nach Belgien.
Bei der Ankunft von "Mausi" am 17.01.2012 im Zoopark Pairi  Daiza lag die Elefantenkuh im Transportwagen fest, obwohl der behandelnde  deutsche Tierarzt zuvor eine Transportfähigkeit bescheinigt hatte. 
Trotz der Bemühungen der erfahrenen belgischen Tierärzte gelang es nicht, das Tier wieder aufzurichten. "Mausi" verstarb im Alter von  circa 30 Jahren.

"Mausis" Tod beweist, was unserem Verein und Experten wie Frau Dr. Marion Garaї  schon seit Jahren klar war: Dieser Elefant war seit langem transportunfähig - und hätte deshalb  gar nicht mehr im Circus gehalten werden und herumreisen dürfen! Leider zeugt dieser Fall auf tragische Weise auch vom völligen systematischen  Versagen der staatlichen Kontrollen und Gefälligkeitsgutachten des behandelnden  Tierarztes.

 

(Foto: Archiv EEG)

Fazit:
Obwohl die Gesetze es verbieten, ist es Circussen in Deutschland in der Praxis  möglich, sichtlich schwerstkranke Tiere bis zum bitteren Ende mit sich herum zu  schleppen und ihnen somit fortdauernd erhebliche Schmerzen und Leiden zu bereiten.
Nur sterben sollten sie möglichst woanders.

„Mausis“ Vermächtnis – unsere Bemühungen gehen weiter!
Seit seiner Gründung liegt dem Verein ELEFANTEN-SCHUTZ EUROPA e.V.  das Schicksal von Circuselefanten ganz besonders am Herzen, sowohl im Hinblick auf deren gesamte Population als auch auf den tierschützerischen Aspekt im Einzelfall. Wo immer möglich, dokumentieren unsere Vereinsmitglieder die untragbaren Haltungsumstände, unter denen die intelligenten Tierriesen auch heute noch kommerziell genutzt werden und versuchen, sowohl das Publikum als auch die zuständigen Behörden für die fortdauernden Probleme und Leiden von Circuselefanten zu sensibilisieren.

Deshalb wird unser Verein sich weiterhin dafür einsetzen, dass die Haltung von Elefanten im reisenden Circus zukünftig gesetzlich unterbunden wird. Bis dahin werden wir aber nichts unversucht lassen, Elefanten, die durch ihr Dasein im Circus geschädigt wurden, in gute stationäre Haltungen zu vermitteln!

Da die Einziehung derart großer Wildtiere schon allein an einem fehlenden Aufnahmezoo und fehlenden Transportmöglichkeiten scheitern kann, ist ELEFANTEN-SCHUTZ EUROPA e.V. sehr froh, hier Unterstützung aus Zookreisen gewonnen zu haben: Zoologische Gärten, die sich dem Tierschutz verpflichtet fühlen, wären weiterhin bereit, Circuselefanten aufzunehmen.Im Bedarfsfall vermittelt ELEFANTEN-SCHUTZ Europa e.V. hierzu Kontakte.

Danksagung:
Unser besonderer Dank gilt Frau Dr. Marion E. Garaї für ihren höchst engagierten Einsatz für die Elefanten im Allgemeinen und für „Mausis“ Wohlergehen im besonderen sowie für das freundliche Zurverfügungstellen ihres Gutachtens.
Zudem gilt unser Dank Steffen Patzwahl, Direktor des Zoos Pairi Daiza/BEL, für seine Bereitschaft und Bemühungen, „Mausi“ zu übernehmen.
Weiterhin sei Frau Dr. Susanne Klomburg für ihre Bereitschaft, eingezogene, auch gehandicapte Afrikanische Circuselefanten im Zoo Osnabrück einzustellen, recht herzlich gedankt.
(Inzwischen hat der Zoo Osnabrück zwei andere Circuselefanten aufgenommen, deren Besitzer die Tiere freiwillig und rechtzeitig abgab.)